Editio Domini · MMXXVI

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Magazin für Fotografie, Bild-Praxis und Foto-Geschichte DACH


← Magazin 19. Mai 2026
Technik · 16 min

Spiegellos seit 2012 — die Sensor-Welle und das Ende der DSLR-Mechanik

Sony A7 Oktober 2013, Fujifilm X im Februar 2012, Canon und Nikon mit dreijähriger Verspätung — eine Bestandsaufnahme der Vollformat-Spiegellos-Architektur im Mai 2026.

Die DSLR-Tradition ist nicht tot, aber sie ist tot genug, dass die großen Hersteller sie nicht mehr weiterentwickeln. Canon hat die letzte neue EOS-DSLR im Jahr 2020 angekündigt (die 1D X Mark III), Nikon im Sommer 2020 die D6 — seither sind die Pipelines beider Konzerne ausschließlich auf spiegellose Modelle ausgerichtet. Pentax bleibt als einziger Hersteller bei der Spiegel-Klappe-Architektur, beliefert damit aber ein Nischenpublikum. Wer im Mai 2026 eine neue Kamera kauft, kauft eine spiegellose. Die Frage ist nicht ob, sondern welche.

Die Sony-Vorlage: A7 vom Oktober 2013

Sony hat den Markt geöffnet, und Sony führt ihn seit über zwölf Jahren an. Die Alpha A7 vom Oktober 2013 war die erste Vollformat-Spiegellos-Kamera überhaupt — ein 24-Megapixel-Sensor in einem Gehäuse von 474 Gramm, zum Listenpreis von 1.799 USD ohne Objektiv. Die Konkurrenz reagierte zunächst nicht; Canon hatte zwar 2012 die EOS-M-Linie als APS-C-Spiegellos vorgestellt, Nikon die Nikon-1-Reihe mit einem 1-Zoll-Sensor — beide Versuche waren Halb-Engagements, die das eigene DSLR-Geschäft schützen sollten und entsprechend kompromittiert ausfielen.

Sony hatte die Freiheit, das nicht zu tun. Die Konica-Minolta-Übernahme 2006 hatte Sony in das DSLR-Geschäft gebracht; die A7-Serie war die kalkulierte Entscheidung, dieses junge Geschäft selbst zu kannibalisieren, bevor es jemand anderes täte. Drei Generationen später, mit der Sony A7 IV vom Oktober 2021 und der A7 V vom Oktober 2024, ist Sony Marktführer im Vollformat-Spiegellos-Segment — und die Bayonett-Plattform E-Mount, ursprünglich für die kleinen NEX-APS-C-Kameras 2010 entworfen, hat sich als Sony-Standard für die nächsten Jahrzehnte etabliert.

„Wir wollten eine Kamera, die in eine Jackentasche passt und die volle 35-mm-Vollformat-Bildqualität liefert”, erinnerte Sony-Ingenieur Kenji Tanaka 2023 in einem Interview mit dem japanischen Camera-Grand-Prix-Komitee. „Die A7 war das erste Modell, das beide Anforderungen erfüllte.”

Fujifilm: APS-C als Identität, nicht als Kompromiss

Fujifilm hatte schon im Februar 2012 die X-Pro1 vorgestellt — die erste spiegellose Kamera mit dem X-Trans-CMOS-Sensor und dem damals neuen X-Mount-Bajonett. Die Bauform war unverwechselbar: APS-C-Sensor in einem retro-anmutenden Body mit physischen Wählrädern für Belichtungszeit und Belichtungskorrektur, kombiniert mit einem Hybrid-Sucher, der zwischen optischer und elektronischer Anzeige umschalten konnte. Die X-Pro1 verkaufte sich gut, die zweite Generation X-Pro2 (2016) besser, und der eigentliche Volumen-Hit wurde die X-T-Linie ab der X-T1 vom Januar 2014, die das Design vereinfachte und den elektronischen Sucher in die Mitte setzte.

Fujifilms Entscheidung, bei APS-C zu bleiben und parallel den GFX-Mittelformat-Sensor zu entwickeln (50 MP ab Januar 2017 mit der GFX 50S, später 100 MP), war strategisch klug: Während alle anderen Hersteller in Vollformat konkurrierten, bediente Fujifilm zwei Nischen, in denen weniger Wettbewerb herrschte. Die aktuelle Fujifilm X100VI vom Februar 2024 — eine APS-C-Kompaktkamera mit fest verbautem 23-mm-Objektiv — war innerhalb von zwei Wochen ausverkauft und hatte bis Sommer 2024 Lieferzeiten von über sechs Monaten. Die Foto-Szene war überrascht, Fujifilm nicht.

Canon R und Nikon Z: die späte Antwort

Canon stellte die EOS R im September 2018 vor, Nikon die Z6 und Z7 im August 2018. Beide Konzerne hatten den spiegellosen Markt fünf Jahre lang Sony überlassen, beide reagierten innerhalb weniger Wochen voneinander. Der RF-Mount von Canon und der Z-Mount von Nikon haben beide einen größeren Bajonett-Durchmesser als Sonys E-Mount; Nikon nennt seinen Z-Mount-Durchmesser von 55 mm — der größte aller Vollformat-Bajonette aktuell — als technische Begründung für besonders lichtstarke Objektive wie das Nikkor Z 58mm f/0,95 Noct.

Die Aufholjagd dauerte. Canon brachte 2020 die EOS R5 (45 MP, 8K-Video) und die EOS R6, die als erste Modelle der Marke ernsthaft konkurrenzfähig waren. Nikon präsentierte 2021 die Z9 (45 MP, kein mechanischer Verschluss), die im professionellen Sport- und Bildjournalismus-Segment Sony A1 und Canon R3 als ernste Konkurrenten gegenübertrat. Im Mai 2026 ist die Marktverteilung im Vollformat-Spiegellos-Segment laut den japanischen CIPA-Zahlen: Sony etwa 32 Prozent, Canon 28 Prozent, Nikon 18 Prozent, Panasonic und Sigma im L-Mount-Verbund zusammen etwa 8 Prozent, Rest verteilt.

OM System und das Micro-Four-Thirds-Bekenntnis

Olympus hatte 2008 zusammen mit Panasonic den Micro-Four-Thirds-Standard etabliert — einen Sensor mit dem Crop-Faktor 2 und einem entsprechend kleineren Bajonett, das besonders kompakte Kamera- und Objektiv-Architekturen erlaubt. 2021 verkaufte Olympus seine Kamera-Sparte an die japanische Investment-Gesellschaft Japan Industrial Partners, die das Geschäft unter dem Namen OM Digital Solutions weiterführt. Die Marke heißt seit der OM-1 vom Februar 2022 OM System.

Der Verlust des Konzern-Backings hat die Marke nicht zerstört — im Gegenteil, die OM-1 Mark II vom Januar 2024 ist ein gelungenes Produkt-Update mit guter Wildlife- und Naturfoto-Eignung, und die OM-3 vom Februar 2025 hat in der Retro-Klasse gute Kritiken bekommen. Was sich verändert hat: Das Sortiment ist enger geworden, neue Modelle erscheinen seltener, und die Frage „lohnt sich Micro Four Thirds 2026 noch?” wird in der Praxis-Szene regelmäßig gestellt. Die Antwort hängt vom Use-Case ab. Für Wildlife-Fotograf:innen, die lange Brennweiten brauchen und Gewicht sparen wollen, lohnt sich der kleine Sensor weiterhin: Ein OM System 150-400mm f/4,5 ist ein 300-800mm-Äquivalent zum Vollformat-Maßstab und wiegt 1.875 Gramm — Vergleichbares im Vollformat existiert schlicht nicht.

Sensor-Architektur: was wirklich entscheidet

Die Marketing-Schlachten der Hersteller fokussieren auf Megapixel-Zahlen, aber die wichtigeren Unterschiede liegen in der Sensor-Architektur. Stacked-CMOS-Sensoren, bei denen die Lese-Elektronik unter dem Photonen-empfangenden Layer angeordnet ist, ermöglichen Auslese-Zeiten von unter einer Millisekunde — das eliminiert den Rolling-Shutter-Effekt, der seit Jahren ein Schwachpunkt elektronischer Verschluss-Systeme war. Sony hat Stacked-CMOS in der A9 vom Mai 2017 erstmals eingesetzt, Canon in der R3 (2021), Nikon in der Z9 (2021). Im Mai 2026 ist Stacked-CMOS noch nicht Standard; die meisten Mittelklasse-Modelle haben weiterhin konventionelle CMOS-Sensoren mit Auslese-Zeiten zwischen 8 und 30 Millisekunden.

Die Pixel-Architektur ist die zweite wichtige Unterscheidung. Sonys A7R V vom Oktober 2022 hat einen 61-Megapixel-Sensor mit einer Pixel-Größe von 3,76 Mikrometern; die A7S III mit 12 Megapixeln hat eine Pixel-Größe von 8,4 Mikrometern. Die größeren Pixel sammeln mehr Photonen, was bei hohen ISO-Werten die Rauschreduktion verbessert — der Grund, warum die A7S-Linie als Video- und Low-Light-Spezialist gilt. Die Nachfolge-Generation der A7S IV ist seit Februar 2025 angekündigt, aber im Mai 2026 noch nicht ausgeliefert.

L-Mount-Allianz: Panasonic, Leica, Sigma

Eine in der Foto-Praxis oft übersehene vierte Bayonett-Linie ist die L-Mount-Allianz, die im September 2018 auf der Photokina in Köln von Leica, Panasonic und Sigma als gemeinsamer Mount-Standard verkündet wurde. Der L-Mount war ursprünglich von Leica für die T- und SL-Serien entwickelt worden (Leica T ab April 2014, Leica SL ab Oktober 2015) und hatte einen Bajonett-Durchmesser von 51,6 mm — geräumig genug für Vollformat-Sensoren. Panasonic brachte 2019 die Lumix S1 und S1R als erste L-Mount-Vollformat-Modelle; Sigma 2019 die FP, eine besonders kompakte Vollformat-Spiegellos-Kamera ohne mechanischen Verschluss.

Der Vorteil des L-Mount-Verbunds liegt in der Cross-Kompatibilität: Leica-Objektive funktionieren auf Panasonic-Bodys, Sigma-Objektive auf Leica-Bodys, Panasonic-Bodys mit Sigma-Adaptern auf Canon-EF-Linsen. Das Sortiment ist mittlerweile beträchtlich — über 70 native L-Mount-Objektive Mai 2026, davon etwa 30 von Sigma. Der Marktanteil der L-Mount-Allianz im Vollformat-Spiegellos-Segment liegt nach CIPA-Zahlen bei etwa 8 Prozent — kein Volumen-Gewinner, aber stabiler Nischen-Standard mit besonders treuer Fan-Basis im Video- und Filmemacher-Segment, wo die Panasonic-Lumix-S1H seit Oktober 2019 als Netflix-zertifizierte Cinema-Kamera gut etabliert ist.

Die Smartphone-Konkurrenz: iPhone 15 Pro Max und das computational-imaging-Paradigma

Die wichtigste Konkurrenz zur Spiegellos-Vollformat-Welt sitzt seit 2017 in der Hosentasche. Das iPhone 15 Pro Max vom September 2023 hat einen Hauptsensor von 48 Megapixeln auf einer Sensor-Fläche von etwa 9,8 × 7,3 mm — das ist deutlich kleiner als selbst Micro Four Thirds, aber die Software-Pipeline von Apple (Smart HDR 5, Deep Fusion, Night Mode) erreicht in vielen Szenarien Bild-Qualitäten, die noch vor fünf Jahren nur dedizierte Kameras lieferten. Das iPhone 16 Pro Max vom September 2024 und das in der Apple-Roadmap angekündigte iPhone 17 vom September 2025 setzen die Entwicklung fort: Bild-Verarbeitung statt Sensor-Größe.

Google ist mit der Pixel-Linie der andere ernste Smartphone-Konkurrent. Das Pixel 8 Pro vom Oktober 2023 mit dem Tensor-G3-Bildprozessor und den proprietären Algorithmen für Real Tone (Hauttöne) und Magic Editor (KI-Bildmanipulation) hat in unabhängigen Foto-Vergleichen wie DXOMARK-Bewertungen oft besser abgeschnitten als das iPhone derselben Generation. Im Mai 2026 ist das Pixel 9 Pro die aktuelle Generation; das Pixel 10 ist für Oktober 2026 angekündigt.

Die Frage Mai 2026: Was kaufen?

Wer im Mai 2026 eine neue Kamera anschafft und die volle Vollformat-Qualität will, kauft entweder eine Sony A7 V (etwa 2.499 EUR Body), eine Canon EOS R6 Mark II (2.799 EUR Body) oder eine Nikon Z6 III (2.299 EUR Body). Wer mit APS-C zufrieden ist, spart einen vierstelligen Betrag und bekommt mit der Fujifilm X-T5 oder der Sony A6700 Bilder, die in 80 Prozent der Foto-Praxis kaum von Vollformat zu unterscheiden sind. Wer Wildlife oder Sport fotografiert und Telebrennweite braucht, schaut auf OM System oder die Sony A9 III. Und wer nur Schnappschüsse macht, lässt das Geld besser im Portemonnaie und lernt, was das iPhone in der Hosentasche kann.


Ressort: Technik