Daguerre 1839, Leica 1925, Kodak 1975 — die Foto-Geschichte in fünf Patenten
Vom Versilbern der Kupferplatte über die Gelatine-Trockenplatte und das 35-mm-Kleinbild bis zur ersten Digital-Aufnahme — eine technikgeschichtliche Linie von Daguerre bis DALL-E.
Die Geschichte der Fotografie lässt sich entlang einer Reihe konkreter Patente und Verfahrens-Beschreibungen erzählen, die in jeweiliger Dekade neue Aufnahme-Praxen ermöglichten. Diese Linie beginnt im August 1839 in Paris, läuft über die Massen-Produktion der Gelatine-Trockenplatte 1871, die Erfindung des 35-mm-Kleinbild-Apparats 1925 in Wetzlar, die Farbfilm-Welle der dreißiger Jahre und die erste digitale Aufnahme im Dezember 1975 in einem Kodak-Labor in Rochester, New York — und sie endet vorläufig im April 2022 mit der Veröffentlichung von DALL-E 2 durch OpenAI, der ersten KI-Bildgenerierung, die in der breiten Foto-Szene ernsthaft diskutiert wurde.
August 1839: die Daguerreotypie
Louis Jacques Mandé Daguerre, geboren 1787 als Sohn eines Beamten, war Maler von Beruf und Betreiber des Diorama-Theaters in Paris von 1822 an. Das Diorama war ein bühnentechnisches Spektakel, das gemalte Leinwände durch wechselnde Beleuchtung scheinbar zum Leben erweckte; die optische Präzision, die das Diorama erforderte, brachte Daguerre seit 1829 in Kontakt mit Joseph Nicéphore Niépce, dem Erfinder der Heliographie. Niépce hatte bereits 1826 oder 1827 mit „Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras” eine erste fotografische Aufnahme erzeugt — die Belichtungs-Zeit jedoch lag bei mehreren Stunden, und das Bild war von minimaler Qualität.
Nach Niépces Tod 1833 arbeitete Daguerre weiter und entwickelte das Verfahren, das im August 1839 als Daguerreotypie der Pariser Akademie der Wissenschaften vorgestellt wurde. Die Technik: Eine versilberte Kupferplatte wurde in einer Quecksilberdampf-Box licht-empfindlich gemacht, in der Camera obscura belichtet (anfänglich 15 bis 30 Minuten Belichtungs-Zeit, später durch verbesserte Optik auf wenige Minuten reduziert) und mit Quecksilberdampf entwickelt. Das Resultat war ein hochauflösendes Bild auf der Platten-Oberfläche — sichtbar nur unter bestimmten Lichtwinkeln, mit dem charakteristischen Spiegel-Effekt, der die Aufnahme von der einen Seite als positives Bild und von der anderen als negative Spiegelung zeigte.
Die französische Regierung kaufte das Verfahren am 19. August 1839 für eine lebenslange Rente von 6.000 Francs pro Jahr und stellte es als öffentliches Wissen zur Verfügung — eine bemerkenswerte Geste, die das Verfahren weltweit verbreitete. Innerhalb weniger Monate eröffneten Daguerreotypie-Ateliers in Berlin, London, New York und Wien. Die Aufnahme-Praxis war jedoch begrenzt: Jede Platte war ein Unikat, das nicht vervielfältigt werden konnte; die Belichtungs-Zeiten erlaubten keine bewegten Motive; die Verwendung von Quecksilberdampf war gesundheitsschädlich.
1851: das Kollodium-Nassplatten-Verfahren
Frederick Scott Archer, ein englischer Bildhauer und Foto-Pionier, veröffentlichte im März 1851 in der Zeitschrift The Chemist die Beschreibung eines neuen Verfahrens — das Kollodium-Nassplatten-Verfahren. Eine Glasplatte wurde mit einer Kollodium-Schicht (Kollodium ist Cellulose-Nitrat, gelöst in Ether und Alkohol) beschichtet, in Silbernitrat-Lösung licht-empfindlich gemacht und im noch nassen Zustand belichtet — die Platte musste innerhalb von etwa zehn Minuten nach der Beschichtung entwickelt werden, sonst ging die Licht-Empfindlichkeit verloren.
Das Verfahren hatte zwei revolutionäre Vorteile gegenüber der Daguerreotypie. Erstens: Die Aufnahme war ein Negativ auf transparenter Glasplatte und konnte beliebig oft auf Papier vervielfältigt werden — das machte Foto-Vervielfältigung und Massen-Verbreitung möglich. Zweitens: Die Belichtungs-Zeit war drastisch reduziert, oft auf wenige Sekunden, was Portrait-Fotografie als Massen-Praxis erstmals erschwinglich machte. Die Nachteile waren die mobile-Praxis-Anforderungen: Wer im Freien fotografierte, brauchte ein mobiles Dunkelkammer-Zelt, in dem die Platte unmittelbar vor der Aufnahme beschichtet und unmittelbar danach entwickelt wurde. Die englischen und französischen Kriegs-Fotografen der 1850er Jahre (Roger Fenton im Krim-Krieg 1855, Mathew Brady im US-Bürgerkrieg ab 1861) arbeiteten mit solchen mobilen Dunkelkammer-Wagen.
Archer veröffentlichte das Verfahren ohne Patent-Anmeldung und damit als gemeinfrei — er starb 1857 verarmt. Sein wichtigster Konkurrent William Henry Fox Talbot, der englische Erfinder der Kalotypie (Negativ-Positiv-Verfahren auf Papier, patentiert 1841), versuchte den Kollodium-Prozess als Verletzung seiner Patente einzuklagen — die englischen Gerichte lehnten die Klage 1854 ab. Die Foto-Szene war damit weitgehend von Talbot-Lizenzgebühren befreit.
1871: die Gelatine-Trockenplatte
Richard Leach Maddox, ein englischer Arzt und Hobby-Fotograf, veröffentlichte im September 1871 in der British Journal of Photography eine Beschreibung des Gelatine-Trockenplatten-Verfahrens. Statt der Kollodium-Schicht wurde Gelatine mit Silberbromid-Kristallen verwendet — die so beschichteten Platten konnten getrocknet, gelagert und über Wochen aufbewahrt werden, bevor sie belichtet wurden. Das Verfahren befreite die Fotografie von der mobilen-Dunkelkammer-Notwendigkeit und ermöglichte die industrielle Massen-Produktion vorgefertigter Foto-Platten.
Die Auswirkungen waren tiefgreifend. Eastman Kodak (das Unternehmen wurde 1888 von George Eastman in Rochester gegründet) basierte die ersten Massen-Produkte direkt auf der Maddox-Erfindung: Die Kodak-Box-Camera von 1888 enthielt einen Rollfilm-Streifen mit 100 Aufnahmen, der nach Belichtung an das Kodak-Labor zurückgesendet, dort entwickelt und mit neuem Film versehen zurückgeschickt wurde. „You press the button, we do the rest” — der Werbespruch von 1889 machte Eastman zum Pionier der Massen-Foto-Praxis. Innerhalb einer Generation wurde die Fotografie vom spezialisierten Handwerk zur Volksbeschäftigung.
„Die Gelatine-Trockenplatte hat die Fotografie vom Profi-Labor in die Wohnzimmer der Mittelschicht gebracht”, schrieb der Foto-Historiker Helmut Gernsheim 1955 in „The History of Photography”. „Sie ist die wichtigste Erfindung der Foto-Geschichte zwischen Daguerre und Barnack.”
1925: die Leica I und das 35-mm-Kleinbild
Oskar Barnack, Mikroskop-Konstrukteur bei Ernst Leitz GmbH in Wetzlar, hatte ab 1913 in seinen Freizeit-Stunden einen kleinen Foto-Apparat entwickelt, der das 35-mm-Filmmaterial der Kinofilm-Industrie verwendete. Das Format Barnacks: 24 mm × 36 mm pro Aufnahme, doppelte Höhe des stehenden Kinofilm-Kaders. Der Prototyp — die sogenannte Ur-Leica, heute im Leica-Museum Wetzlar ausgestellt — wurde 1914 fertiggestellt und für Test-Aufnahmen verwendet, bevor der Erste Weltkrieg die Weiterentwicklung unterbrach. Ernst Leitz II, der Konzern-Chef, entschied 1924 nach erneuten Tests, das Konzept in Serien-Produktion zu nehmen.
Die Leica I wurde im Frühjahr 1925 auf der Leipziger Frühjahrs-Messe vorgestellt — ein 432 Gramm schwerer Apparat mit fest verbautem Elmax 50mm f/3,5 Objektiv, Tuch-Schlitzverschluss und Belichtungs-Zeiten von 1/20 bis 1/500 Sekunde. Der Verkaufs-Preis: 200 Reichsmark, etwa drei Monatsgehälter eines deutschen Industrie-Arbeiters. Trotz des hohen Preises verkaufte sich die Leica I überraschend gut — die Kombination aus kompakter Bauform, optischer Präzision und der Möglichkeit, 36 Aufnahmen pro Film zu machen, traf eine Nachfrage, die niemand vorhergesehen hatte.
Die Konsequenzen für die Foto-Praxis waren historisch. Henri Cartier-Bresson kaufte sich 1932 seine erste Leica und definierte damit die Praxis der Street-Photography, die in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren erstmals als eigene Gattung entstand. Die Bildjournalismus-Welle der dreißiger Jahre (Berliner Illustrirte Zeitung, Münchner Illustrirte Presse, später LIFE in den USA seit November 1936) wäre ohne die Leica und die parallel entwickelte Contax-Linie der Zeiss-Werke (ab 1932) technisch nicht möglich gewesen. Das Kleinbild-Format definierte zudem die Sensor-Größe der späteren Vollformat-Digital-Kameras: 24 mm × 36 mm ist auch das Maß der heutigen Sony A7-Serie und der Canon-R-/Nikon-Z-Vollformat-Modelle.
1935 und 1936: Kodachrome und Agfacolor
Die Farb-Fotografie war seit dem späten 19. Jahrhundert in experimentellen Verfahren erprobt worden — die Autochrome-Platten der Brüder Lumière (Patent 1903, kommerziell ab 1907) waren das erste praktikable Farb-Verfahren, hatten jedoch lange Belichtungs-Zeiten und eingeschränkte Farb-Treue. Der eigentliche Durchbruch kam im April 1935, als Eastman Kodak den Farbfilm Kodachrome auf den Markt brachte — ein subtraktives Farb-Verfahren, das von zwei Musikern (Leopold Mannes und Leopold Godowsky Jr., beide professionelle Konzert-Pianisten) ab 1922 als Hobby-Projekt entwickelt worden war. Kodak hatte die beiden 1930 eingestellt und ihnen ein eigenes Labor zur Verfügung gestellt.
Kodachrome war ein Diapositiv-Film, kein Negativ-Film, und das Entwicklungs-Verfahren war so komplex, dass es nur in spezialisierten Kodak-Laboratorien durchgeführt werden konnte. Die letzten Kodachrome-Laboratorien (Dwayne’s Photo in Parsons, Kansas) stellten die Entwicklung am 30. Dezember 2010 ein — Kodachrome wurde damit nach 75 Jahren faktisch eingestellt. Die Bilder, die zwischen 1935 und 2010 auf Kodachrome aufgenommen wurden, zeigen oft eine charakteristische Farb-Brillanz und Archiv-Stabilität, die bis heute zu den besten der analogen Foto-Geschichte gerechnet wird.
Die deutsche Antwort auf Kodachrome war Agfacolor, im Oktober 1936 von den IG-Farben-Tochter Agfa AG in Wolfen vorgestellt. Agfacolor war als Negativ-Film konzipiert (mit Positiv-Papier-Variante ab 1942) und einfacher zu entwickeln als Kodachrome — die Agfacolor-Negative konnten in normalen Foto-Labors verarbeitet werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg fielen die Agfacolor-Patente als deutsches Reparations-Gut an die Alliierten; der Prozess wurde damit weltweit verfügbar und legte die Grundlage für den Farb-Negativ-Massen-Markt der Nachkriegs-Zeit.
Dezember 1975: die erste digitale Aufnahme
Steven J. Sasson, ein 25-jähriger Elektrotechnik-Ingenieur bei Eastman Kodak in Rochester, hatte im Sommer 1975 den Auftrag erhalten, einen experimentellen Foto-Apparat ohne Film zu entwickeln. Der Prototyp, fertiggestellt im Dezember 1975, war ein 3,6 kg schwerer Apparat, der einen CCD-Sensor mit 10.000 Pixeln (100 × 100) verwendete und das Bild auf einer Kompakt-Cassette als digitale Daten speicherte. Die Belichtungs-Zeit für eine Aufnahme: 23 Sekunden. Das Bild wurde auf einem Fernseh-Monitor wiedergegeben, ebenfalls über 23 Sekunden Daten-Auslese.
Die erste digitale Foto-Aufnahme zeigte eine Labor-Assistentin namens Joy Marshall in Schwarz-Weiß; die Auflösung war so gering, dass Kodak-Marketing das Projekt zunächst nicht ernst nahm. Sasson erinnerte sich in einem Interview mit der New York Times 2015: „Sie sagten mir: nett, aber sagen Sie das niemandem.” Kodak meldete das Sasson-Patent (US-Patent 4.131.919) im Mai 1978 an — und vermarktete die Erfindung dreißig Jahre lang nicht. Diese strategische Fehl-Entscheidung — den eigenen Foto-Film-Markt nicht durch Digital-Kameras zu kannibalisieren — gilt heute als eine der teuersten Konzern-Fehler des 20. Jahrhunderts. Kodak meldete im Januar 2012 Konkurs an.
Die erste kommerzielle Digital-Kamera für Endkund:innen war die Casio QV-10 vom März 1995 mit einem 250.000-Pixel-Sensor und einem winzigen LCD-Bildschirm auf der Rückseite. Die ersten professionellen Digital-SLRs erschienen Mitte der 90er — die Kodak DCS 100 von 1991, basierend auf einem modifizierten Nikon-F3-Body, war Vorläufer; der eigentliche Durchbruch in der Profi-Foto-Praxis kam mit der Nikon D1 (1999) und der Canon EOS-1D (2001).
April 2022: DALL-E 2 und die KI-Welle
OpenAI veröffentlichte im April 2022 DALL-E 2, das erste KI-Bildgenerierungs-System, das in der breiten Öffentlichkeit ernsthaft diskutiert wurde. DALL-E 2 verwendete ein Diffusions-Modell, das aus Milliarden Bild-Text-Paaren trainiert war, und konnte aus textlichen Beschreibungen Bilder generieren, die optisch oft von Foto-Aufnahmen kaum zu unterscheiden waren. Midjourney (Beta-Start im Februar 2022) und Stable Diffusion (Open-Source-Veröffentlichung im August 2022) folgten innerhalb weniger Monate und definierten die KI-Bildgenerierungs-Welle als neue Praxis-Kategorie.
Die Foto-Geschichte ist mit DALL-E 2 in eine neue Phase eingetreten — eine Phase, in der die Aufnahme nicht mehr zwangsläufig auf einer optischen Erfassung der materiellen Welt beruht, sondern auch als algorithmische Bild-Generierung entstehen kann. Die Frage, ob diese KI-generierten Bilder noch „Fotografien” sind, ist im Mai 2026 ungeklärt — die DGPh hat in ihren Positions-Bestimmungen zwischen 2023 und 2025 eine pragmatische Unterscheidung vorgeschlagen, die KI-Bilder als eigene Kategorie behandelt und sie weder als Fotografie noch als reine Illustration einordnet. Die Praxis-Frage der nächsten zehn Jahre wird sein, wie diese Kategorie in Bildjournalismus, Werbe-Foto-Praxis und privater Bilder-Produktion einsortiert wird.
Die Linie 1839-2026
Was diese sieben Stationen verbindet, ist nicht eine technologische Notwendigkeit, sondern eine Reihe konkreter Erfinder-Entscheidungen, die in jeweiliger Dekade nicht abzusehen war. Daguerre hätte das Verfahren patentieren können; die französische Regierung hätte das Patent nicht aufkaufen müssen. Archer hätte den Kollodium-Prozess als Lizenz-Geschäft betreiben können; Maddox die Gelatine-Trockenplatte. Barnack hätte die Leica I nie aus dem Wetzlarer Optik-Labor in die Massen-Produktion bringen müssen. Sasson hätte den Sasson-Prototyp nicht der Kodak-Konzern-Führung vorgeführt, hätte er gewusst, dass die Konzern-Strategen das Projekt zur Geheim-Akte machen würden. Die Foto-Geschichte ist damit, was alle Technik-Geschichten sind: eine Folge nicht-zwangsläufiger Entscheidungen, die rückwirkend als Fortschritt erscheinen.